Erwerbsunfähigkeitsrente Höhe

Der gesetzliche Schutz reicht zum Leben nicht aus

Julia Rieder Stand: 08. Mai 2019
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Erwerbsunfähigkeitsrente wurde zum 31. Dezember 2000 abgeschafft und durch die Erwerbsminderungsrente ersetzt.
  • Wer bereits eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente nach altem Recht bezieht, erhält diese auch weiterhin.
  • Für das neue System der Erwerbsminderungsrente gilt: Die Höhe der Rente richtet sich danach, wie lange der Versicherte pro Tag noch arbeiten kann. Sind es weniger als drei Stunden, gibt es die volle Erwerbsminderungsrente, bei drei bis sechs Stunden nur die halbe.
  • Wie viel Geld es gibt, hängt von den bisher erworbenen Rentenansprüchen ab. 2017 erhielt ein Neurentner im Durchschnitt 716 Euro Erwerbsminderungsrente.
So gehen Sie vor
  • Wollen Sie einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen, können Sie sich in den Beratungsstellen der gesetzlichen Rentenversicherung helfen lassen.
  • Wird Ihr Antrag abgelehnt, können Sie Widerspruch einlegen und notfalls kostenlos vor dem Sozialgericht klagen. Dabei helfen zum Beispiel Sozialverbände oder ein Fachanwalt für Sozialrecht.
  • Die Erwerbsminderungsrente reicht in der Regel nicht zum Leben. Solange Sie noch gesund sind, sollten Sie zusätzlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen.
  • Für die Beratung dazu empfehlen wir Hoesch & Partner, Buforum24, Zeroprov, Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung sowie P&F.

Schlimme Kniebeschwerden und dann auch noch ein Bandscheibenvorfall – wenn die Schmerzen chronisch werden, kann das für einen Fliesenleger das berufliche Aus bedeuten. Ein Bürokaufmann, der wegen einer Depression nicht mehr arbeiten kann, steht ebenfalls plötzlich ohne Einkommen da.

Wenn Sie für einen solchen Fall allein auf staatliche Hilfe bauen, sind Sie von Armut bedroht. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde die gesetzliche Absicherung für Arbeitnehmer, die nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten können, erheblich reduziert.

Früher kam in einem solchen Fall die Berufsunfähigkeits- oder Erwerbsunfähigkeitsrente infrage. Beide wurden jedoch abgeschafft und durch die Erwerbsminderungsrente ersetzt.

Was hat sich mit dem Ende der Erwerbsunfähigkeitsrente geändert?

Bis Ende 2000 funktionierte der gesetzliche Schutz für solche Fälle über ein zweigliedriges System aus Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrente. Eine Berufsunfähigkeitsrente (BU-Rente) erhielt, wer wegen einer Krankheit oder Behinderung seinen Beruf nur noch zu weniger als 50 Prozent ausüben konnte. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente (EU-Rente) hingegen gab es, wenn jemand überhaupt nicht mehr in der Lage war, zu arbeiten.

Dieses System aus gesetzlicher Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsrente hat die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder zum 1. Januar 2001 abgeschafft. Ersetzt wurde es durch die Erwerbsminderungsrente.

Gegenüber der alten Regelung hat sich mit der Erwerbsminderungsrente vor allem eines verändert: Der erlernte Beruf spielt für den gesetzlichen Schutz keine Rolle mehr. Es zählt allein, ob Sie überhaupt noch irgendeine Arbeit verrichten können. Wenn Sie etwa Handwerksmeister sind und zum Beispiel einen Knieschaden haben, aber noch ein Taxi fahren können, bekämen Sie daher keine Rente.

Die Deutsche Rentenversicherung zahlt die Erwerbsminderungsrente in zwei Stufen aus. Die volle Erwerbsminderungsrente erhalten Sie, falls Sie nicht in der Lage sind, mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten. Die Rente entspricht in der Höhe etwa der bisherigen EU-Rente. Sofern Sie noch zwischen drei und sechs Stunden am Tag arbeiten können, bekommen Sie die halbe Erwerbsminderungsrente.

Vertrauensschutz für ältere Versicherte

Eine Ausnahme von der Erwerbsminderungsrente gibt es allerdings: Ältere Versicherte genießen Vertrauensschutz. Falls Sie vor dem 2. Januar 1961 geboren sind, profitieren Sie damit noch vom alten Recht. Das bedeutet, die Rentenversicherung prüft, ob Sie in Ihrem erlernten oder einem gleichwertigen Beruf noch mindestens sechs Stunden täglich arbeiten können.

Als gleichwertig und damit zumutbar gilt ein anderer Beruf, wenn er dem bisherigen in Hinblick auf soziales Ansehen und notwendige Fähigkeiten ähnelt. Kann die Rentenversicherung Sie auf keine andere Tätigkeit verweisen, bekommen Sie als vor 1961 Geborener eine Rente wegen Berufsunfähigkeit. Sie ist allerdings nur so hoch wie die Rente, die Sie nach der neuen Regelung auch bei teilweiser Erwerbsminderung bekämen. Damit fällt die Zahlung um ein Viertel niedriger aus als die bis 2001 gewährte gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente.

Für Menschen, die bereits vor dem 1. Januar 2001 eine Berufsunfähigkeits- oder Erwerbsunfähigkeitsrente bezogen haben, ist alles gleich geblieben. Ihre Rente wird unverändert weitergezahlt, solange die Voraussetzungen dafür stimmen.

Welche Voraussetzungen gibt es für die Rentenzahlung?

Eine Erwerbsminderungsrente bekommen Sie nur, wenn Sie in den letzten fünf Jahren mindestens 36 Monate Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Diese 36 Monate müssen aber kein zusammenhängender Zeitraum gewesen sein. Zusätzlich müssen Sie schon mindestens fünf Jahre versichert gewesen sein.

Unter bestimmten Voraussetzungen gelten Zeiträume, in denen Sie Krankengeld oder Arbeitslosengeld bezogen haben, als Pflichtbeitragszeit, ebenso wie bis zu drei Jahre Kindererziehungszeiten und Militär- sowie Zivildienst. Das bedeutet, diese Zeiten werden dem Rentenkonto wie eine Beschäftigung gutgeschrieben.

Aufgrund der fünfjährigen Wartezeit sind Berufsanfänger in den ersten Jahren ihres Berufslebens kaum abgesichert. Es gibt allerdings Ausnahmen: Bei Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten spielt die Wartezeit keine Rolle. In einem solchen Fall haben Betroffene, sofern sie zum Zeitpunkt des Unfalls versicherungspflichtig waren, direkt Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente und Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung.

Allerdings ist es oft schwierig, eine Berufskrankheit anerkannt zu bekommen. Im Jahr 2016 wurde laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nur rund jeder vierte Verdachtsfall auch tatsächlich als Berufskrankheit anerkannt.

Wie Sie einen Antrag auf Rentenzahlung stellen, lesen Sie in unserem Ratgeber zur Erwerbsminderungsrente.

Wie hoch ist die Erwerbsminderungsrente?

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente hängt ähnlich wie die der Altersrente von der Anzahl der Versicherungsjahre und dem individuellen Einkommen ab. Erwarten Sie aber nicht zu viel, denn die Rente beträgt oft deutlich weniger als ein Drittel des letzten Bruttogehalts.

Wer 2017 erstmals eine Erwerbsminderungsrente bezog, bekam der Deutschen Rentenversicherung zufolge durchschnittlich 716 Euro im Monat. Versicherte, denen eine volle Erwerbsminderungsrente zugesprochen wurde, erhielten im Schnitt 749 Euro. Neurentner mit teilweiser Erwerbsminderungsrente kamen hingegen nur auf 410 Euro. Wie hoch Ihre Erwerbsminderungsrente nach jetzigem Stand ausfallen würde, erfahren Sie in Ihrer Renteninformation.

Das Absicherungsniveau ist infolge der Rentenreformen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Seit dem Jahr 2001 wird die Erwerbsminderungsrente gekürzt, weil sie bereits vor Erreichen der Altersgrenze für die reguläre Rente ausgezahlt wird. Die Grenze wird bis zum Jahr 2024 schrittweise von 63 auf 65 Jahre angehoben. Jeder Monat, den Sie früher Erwerbsminderungsrente beziehen, kostet einen Abschlag von 0,3 Prozentpunkten, höchstens jedoch 10,8 Prozent.

Dieser maximale Abschlag trifft viele Erwerbsminderungsrentner. Denn ihn muss jeder hinnehmen, der mehr als drei Jahre vor seinem regulären Rentenbeginn erwerbsunfähig wird.

Wenn Sie eine volle Erwerbsminderungsrente oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten, dürfen Sie noch 450 Euro im Monat hinzuverdienen. Bei höheren Einkünften kann die Rentenzahlung gekürzt oder gänzlich eingestellt werden. Für Bezieher einer Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung gelten individuelle Hinzuverdienstgrenzen. Diese können Sie bei Ihrem Rentenversicherungsträger erfragen.

Wie kann ich zusätzlich privat vorsorgen?

Angesichts der dürftigen gesetzlichen Absicherung sollten Sie zusätzlich vorsorgen, um das fehlende Einkommen wenigstens teilweise auszugleichen. Die umfassendste Möglichkeit dazu bietet die Berufsunfähigkeitsversicherung.

Diese zahlt, sobald Sie in Ihrem zuletzt ausgeübten Beruf aus gesundheitlichen Gründen dauerhaft nicht mehr arbeiten können. Ob die Ursache dafür in einer psychischen oder körperlichen Erkrankung liegt, ist unerheblich. Die Rente gibt es also auch dann, wenn Sie theoretisch oder praktisch noch einen anderen Job machen könnten. Damit sind die Voraussetzungen niedriger als bei der Erwerbsminderungsrente.

Diese Absicherung ist allerdings nicht ganz billig und vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen nicht leicht zu bekommen. Deshalb ist eine umfassende Beratung bei einem qualifizierten Versicherungsmakler oder -berater wichtig.

Mehr dazu im Ratgeber Berufsunfähigkeitsversicherung

  • Die staatliche Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für fast jeden sinnvoll.
  • Von uns empfohlene Makler: Hoesch & Partner, Buforum24, Zeroprov, Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung, P&F.

Zum Ratgeber 

Erwerbsunfähigkeitsversicherung als Alternative

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann oder will sich nicht jeder leisten. Insbesondere für Menschen, die körperlich arbeiten, sind die Beiträge oft unerschwinglich. Für sie kann als Alternative eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung infrage kommen. Diese ist gerade für Handwerker deutlich günstiger.

Geld gibt es jedoch nur, wenn Sie überhaupt nicht mehr arbeiten können. Die Hürden für die Rentenzahlung aus einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung sind damit genauso hoch wie bei der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente. Dennoch ist die Erwerbsunfähigkeitsrente aus der privaten Versicherung eine geeignete Möglichkeit, die dürftige gesetzliche Absicherung aufzustocken.

Mehr dazu im Ratgeber Erwerbsunfähigkeitsversicherung

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Autor
Julia Rieder

Stand: 08. Mai 2019


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