Zuzahlungsbefreiung Medikamente

So bekommen Sie einen Teil Ihrer Arzneimittel gratis

Max Mergenbaum
& Co-Autor
Stand: 09. Januar 2020
Das Wichtigste in Kürze
  • Gesetzlich Krankenversicherte müssen zu den Gesundheitskosten etwas dazuzahlen, etwa zu verschreibungspflichtigen Medikamenten.
  • Damit die Kosten Ihnen nicht über den Kopf wachsen, können Sie eine Zuzahlungsbefreiung beantragen. 
  • Das ist möglich, wenn Sie in einem Kalenderjahr Ihre individuelle Belastungsgrenze überschritten haben. Diese liegt bei 2 Prozent des Familien-Bruttoeinkommens, für chronisch Kranke bei 1 Prozent.
  • Empfänger bestimmter staatlicher Leistungen müssen weniger zuzahlen.
So gehen Sie vor
  • Sammeln Sie alle Rechnungen und Belege über Krankenhausbehandlungen, Medikamentenzuzahlungen oder medizinische Hilfsmittel eines Jahres.
  • Stellen Sie bei Ihrer Krankenkasse einen Antrag auf Befreiung von Zuzahlungen. Das geht bis zu vier Jahre rückwirkend.
  • Bei einigen Kassen können Sie bereits vorab einen Betrag in Höhe Ihrer persönlichen Zuzahlungsgrenze einzahlen, dann brauchen Sie während des Jahres keine Quittungen zu sammeln.

Wer gesetzlich krankenversichert ist, muss bei bestimmten Leistungen seiner Krankenkasse etwas aus eigener Tasche zuzahlen, etwa bei einer Behandlung im Krankenhaus oder für Hilfsmittel und Medikamente. Im Jahr 2017 musste ein Patient laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände durchschnittlich 2,90 Euro pro Arzneimittel beisteuern.

Damit die Zuzahlungen niemanden finanziell überfordern, gibt es eine individuelle Belastungsgrenze. Sie beträgt 2 Prozent des jährlichen Familien-Bruttoeinkommens. Für chronisch Kranke liegt sie bei 1 Prozent.

Wie viel muss ich zuzahlen?

Gesetzlich Krankenversicherte müssen bei verschreibungspflichtigen Medikamenten grundsätzlich 10 Prozent der Kosten selber tragen – mindestens 5 Euro, höchstens 10 Euro (§ 61 SGB V). Es gibt aber auch Medikamente, für die Patienten nichts zuzahlen müssen, derzeit knapp 4.000 (Stand: Juli 2019).

Rezeptfreie Arzneimittel erstatten die Krankenkassen in der Regel nicht. Kinder unter 18 Jahren sind von allen Arzneimittelzuzahlungen befreit. Für Kinder unter 12 Jahren sowie Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr gilt außerdem, dass die Kasse grundsätzlich auch alle nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel erstattet (§ 34 Abs. 1 Nr. 1 und 2 SGB V). Die Liste der zuzahlungsfreien Medikamente wird alle zwei Wochen aktualisiert und findet sich hier.

Bei stationären Behandlungen müssen Patienten je Kalendertag 10 Euro zuzahlen, maximal für 28 Tage. Für Physio-, Ergo- oder Sprachtherapie sowie andere sogenannte Heilmittel und häusliche Krankenpflege beträgt die Zuzahlung 10 Prozent der Kosten sowie 10 Euro je Verordnung. Ansprechpartner für alle Fragen zu Zuzahlungen ist Ihre Krankenkasse.

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Was ist die individuelle Belastungsgrenze?

Haben Sie die Belastungsgrenze innerhalb eines Jahres erreicht, muss die Krankenkasse Ihnen eine entsprechende Bescheinigung darüber ausstellen, dass Sie für den Rest des Kalenderjahrs nichts mehr zuzahlen müssen (§ 62 SGB V). In die Berechnung fließen sämtliche Zuzahlungen ein – für Arzneimittel, Eigenanteil für stationäre Behandlungen sowie die Zuzahlung zu Heilmitteln und häuslicher Krankenpflege.

So ermitteln Sie Ihre Belastungsgrenze

Die Belastungsgrenze wird nach dem Familien-Bruttoeinkommen berechnet. Deshalb kommt es darauf an, wie viele Personen im gemeinsamen Haushalt leben. In der Regel sind dies der Ehegatte oder eingetragene Lebenspartner sowie die familienversicherten Kinder.

Sind die Kinder als Student oder Auszubildender selbst versichert, bleibt deren Einkommen unberücksichtigt, selbst wenn sie im Haushalt der Eltern leben. Andere Angehörige als die Kinder oder Partner kann die Kasse nach Einzelfallprüfung in die Berechnung einbeziehen, sofern sie ihren gesamten Lebensunterhalt mit der Familie bestreiten. Dann sind sowohl deren Einnahmen als auch deren geleistete Zuzahlungen zu berücksichtigen.

Zum Einkommen gehören grundsätzlich alle Einnahmen, unabhängig davon, wie sie steuerlich zu behandeln sind:

  • Arbeitsentgelt und Abfindungen,
  • Renten und Versorgungsbezüge,
  • Einkünfte, die ein Unternehmer aus seinem Betrieb für sich und seine Familie erzielt oder entnimmt,
  • Einkünfte aus Kapitalvermögen,
  • Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung sowie
  • Arbeitslosengeld I und II, Krankengeld.

Es zählen also auch Einnahmen, auf die Sie keine Krankenversicherungsbeiträge entrichten müssen. Nicht dazu zählen hingegen Kindergeld, Wohngeld oder Bafög.

Sie müssen der Krankenkasse Ihr Bruttoeinkommen anhand geeigneter Belege wie Verdienstbescheinigungen, Rentenbescheide oder Bescheide der Agentur für Arbeit nachweisen.

Diese Freibeträge gelten

Vom Familien-Bruttoeinkommen sind die Freibeträge für jeden Familienangehörigen abzuziehen. Als Freibetrag wird für den ersten im gemeinsamen Haushalt lebenden erwachsenen Angehörigen ein Betrag in Höhe von 15 Prozent der jährlichen Bezugsgröße angerechnet (§ 62 Abs. 2 SGB V). Als Bezugsgröße gilt das Durchschnittsentgelt der gesetzlichen Rentenversicherung im vorvergangenen Kalenderjahr (§ 18 SGB IV).

Freibeträge für 2019 und 2020

 20192020
für Ehepartner5.607 €5.733 €
für jedes Kind7.620 €7.812 €

Quelle: Finanztip-Recherche (Stand: Januar 2020)

Die folgende Tabelle zeigt beispielhaft die Belastungsgrenze für die Zuzahlungsbefreiung, die ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem Gesamteinkommen von 60.000 Euro brutto im Jahr 2020 hätte.

Beispiel für das Jahr 2020

Jahresbruttoeinkommen Ehefrau40.000 €
Jahresbruttoeinkommen Ehemann20.000 €
Jahresbruttoeinkommen gesamt60.000 €
- Freibetrag Ehefrau- 5.733 €
- Freibetrag 2 Kinder- 15.624 €
= zu berücksichtigendes Familieneinkommen38.643 €
davon 
Belastungsgrenze 2 %773 €

Werte gerundet
Quelle: Finanztip-Recherche (Stand: Januar 2020)

Die Beispielfamilie muss also im Jahr 2020 zusammen höchstens rund 773 Euro zuzahlen. Ist ein Familienmitglied chronisch krank, liegt der Höchstbeitrag mit rund 386 Euro bei der Hälfte.

Welche Zahlungen werden berücksichtigt?

Bei der Berechnung der Belastungsgrenze addieren Sie grundsätzlich alle Zuzahlungen, also auch Zuzahlungen bei einem Krankenhausaufenthalt oder bei stationären Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen. Daher sollten Sie alle Zuzahlungsbelege sammeln.

Kosten, die keine „echten“ Zuzahlungen sind, können Sie sich nicht anrechnen lassen, etwa wenn Ihr Arzt ein teures Medikament verschrieben hat, das die Kasse nicht übernimmt. Da die Preise der Präparate trotz des gleichen Wirkstoffs oft sehr unterschiedlich sind, haben die Krankenkassen festgelegt, welchen Höchstbetrag sie für eine Gruppe von vergleichbaren Medikamenten übernehmen.

Verschreibt der Arzt ein Medikament, das teurer ist als der Festbetrag, muss der Patient die Differenz zwischen dem tatsächlichen Preis und dem Festbetrag selbst tragen. Dieser Aufpreis wird nicht als Zuzahlung gewertet. Achtung: Ärzte müssen über die Mehrkosten informieren.

Folgende Aufwendungen können Sie ebenfalls nicht abziehen:

  • Kosten, die Krankenkassen grundsätzlich nicht übernehmen, etwa die Fahrtkosten zur ambulanten Behandlung ohne vorherige Genehmigung;
  • Eigenanteile für Hilfsmittel, die auch Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens sind wie orthopädische Schuhe;
  • Eigenanteile für Zahnersatz sowie
  • Eigenanteile bei Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung.

Wie lassen Sie sich von der Zuzahlungspflicht befreien?

Sobald Sie die Belastungsgrenze innerhalb eines Kalenderjahrs erreicht haben, können Sie bei Ihrer Krankenkasse eine Befreiung beantragen. Einen entsprechenden Vordruck bekommen Sie von Ihrer Kasse. Den Antrag können Sie bis zu vier Jahre rückwirkend stellen. Genehmigt die Kasse ihn, ist Ihre gesamte im gemeinsamen Haushalt lebende Familie von Zuzahlungen befreit.

Manche Kassen bieten als Service auf ihren Websites an, dass Sie mithilfe eines Rechners Ihre individuelle Belastungsgrenze bestimmen und elektronisch Ihre bereits geleisteten Zuzahlungen dokumentieren können. Diese Nachweise können Sie zusammen mit dem Antrag bei Ihrer Krankenkasse einreichen.

Sobald die Krankenkasse Ihre Angaben geprüft hat, bekommen Sie einen Bescheid darüber, dass Sie für den Rest des Kalenderjahrs von Zuzahlungen befreit sind. Das bedeutet, dass sämtliche Zuzahlungen bis zum nächsten Jahr entfallen.

Haben Sie bereits mehr gezahlt, als Ihnen zumutbar war, erstattet Ihnen die Krankenkasse den entsprechenden Betrag zurück. Alternativ können Sie bei einigen Krankenkassen den Betrag in Höhe Ihrer Zuzahlungsgrenze im Voraus einzahlen. Die Krankenkasse befreit Sie dann sofort von weiteren Zuzahlungen. Dadurch ersparen Sie sich das Sammeln der Belege.

Kosten von der Steuer absetzen

Zuzahlungen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten und andere selbst übernommene Krankheitskosten können Sie unter Umständen als außergewöhnliche Belastung steuerlich geltend machen. Die Kosten erkennt das Finanzamt allerdings nur dann an, wenn sie die zumutbare Eigenbelastung überschreiten.

Wie sieht die Zuzahlungsbefreiung für chronisch Kranke aus?

Für Versicherte, die wegen derselben Krankheit in Dauerbehandlung sind, gilt eine geringere Belastungsgrenze von nur 1 Prozent des jährlichen Familien-Bruttoeinkommens. Schwerwiegend chronisch erkrankt ist jemand, der wegen der Krankheit wenigstens ein Jahr lang mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt wurde und der eines der folgenden Kriterien erfüllt:

  • Pflegebedürftigkeit des Pflegegrades 3, 4 oder 5,
  • Grad der Behinderung oder Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 60 Prozent,
  • kontinuierliche medizinische Versorgung, Arzneimitteltherapie, Behandlungspflege, Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln erforderlich, ohne die nach ärztlicher Einschätzung eine lebensbedrohliche Verschlimmerung der Erkrankung, eine Verminderung der Lebenserwartung oder eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität zu erwarten ist.

Ob Ihre Erkrankung als schwerwiegend und chronisch anerkannt wird, entscheidet die Krankenkasse. Vordrucke für eine Bescheinigung durch den behandelnden Arzt erhalten Sie bei Ihrer Versicherung.

Die Sonderregelung für Chroniker gilt erst, nachdem die chronische Krankheit mindestens ein Jahr lang behandelt wurde. Die reduzierte Zuzahlungsgrenze tritt dann ab dem 1. Januar des Kalenderjahres in Kraft, in dem die ersten 12 Monate der Behandlung vorbei sind.

Beispiel: Der Krankenversicherte befindet sich seit 15. Oktober 2018 wegen Diabetes in Behandlung. War er bis zum 14. Oktober 2019 wenigstens einmal im Quartal deswegen in ärztlicher Behandlung, liegt eine Dauerbehandlung vor. Die individuelle Belastungsgrenze von 1 Prozent gilt dann rückwirkend ab dem 1. Januar 2019.

Welche Besonderheiten gelten für Sozialhilfeempfänger?

Wer Hilfe zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe), Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung bezieht, muss weniger zuzahlen. Die Belastungsgrenze wird ermittelt, indem als Familien-Bruttoeinkommen nur der Regelsatz des Haushaltsvorstandes zählt. Dieser liegt 2020 bei 432 Euro monatlich (5.184 Euro jährlich). Für ihre Bedarfsgemeinschaft müssen Leistungsempfänger demnach folgende Zuzahlungen im Kalenderjahr 2020 leisten:

  • 2 Prozent Zuzahlung: 103,68 Euro,
  • 1 Prozent Zuzahlung für chronisch Erkrankte: 51,84 Euro.

Sozialhilfeempfänger, die bereits innerhalb kurzer Zeit relativ hohe Summen zuzahlen müssen, können mit den Sozialhilfeträgern vereinbaren, dass diese die Zuzahlungen wie ein Darlehen übernehmen. Dadurch können sie ihre Belastung über mehrere Monate verteilen. Voraussetzung ist, dass sich die Krankenkasse vorher mit den Sozialhilfeträgern darauf verständigt.

Den Befreiungsausweis für Sozialhilfeempfänger erstellt die Krankenkasse. Er enthält

  • den Namen der ausstellenden Krankenkasse,
  • Vorname und Name des Versicherten,
  • Geburtsdatum und/oder Krankenversicherungsnummer sowie
  • Datum der Ausstellung und Gültigkeitsdauer.
Autor
Max Mergenbaum
& Co-Autor
Annika Krempel

Stand: 09. Januar 2020


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